Blockchain gegen Intermediäre

Autor: René Bader ist Manager Critical, Business Applications & Big Data bei NTT Security
Quelle: Professional Computing 2/2017

Die Blockchain-Technologie hat den Anspruch, Intermediäre tendenziell überflüssig zu machen. Aber nicht alle Aufgaben der Intermediäre lassen sich durch technische Verfahren ersetzen. Ausserdem benötigt Blockchain eigene Experten, die diese anspruchsvolle Technologie umsetzen können.

«Intermediäre» sind Vermittler, und in einer arbeitsteiligen Wirtschaft fallen unter diesen Begriff ziemlich viele Berufsgruppen: Banken als Vermittler zwischen Leuten, die Geld haben und solchen, die es brauchen; Notare, Gerichtsvollzieher, Makler und letzten Endes auch der gesamte Handel. Und Intermediäre gibt es nicht nur in der Old-School-Economy, denn auch Institutionen wie Amazon und eBay sind ihrerseits irgendwie Intermediäre.

Die Arbeit der Intermediäre erfordert Aufwand, sie kostet also Geld und verbraucht Zeit. Die Blockchain-Technologie will diesen Aufwand einsparen oder zumindest reduzieren, indem sie das Vermitteln durch ein technisches Verfahren ersetzt. Da in einer Blockchain Daten fälschungssicher dokumentiert werden können, bräuchte es keine neutralen, durch Behörden oder den Markt autorisierten Instanzen mehr – eben die Intermediäre – die beide Seiten zusammenbringen und die für die Gültigkeit der jeweiligen Geschäfte oder Verträge einstehen.

In diesem Modell führt zum Beispiel nicht mehr die Bank eine Überweisung aus, sondern der Zahler schreibt eine Transaktion in eine Blockchain und deren Algorithmen schreiben den Betragdem Empfänger gut, ebenfalls in der Blockchain; die Bank ist dabei nicht mehr nötig. Wer etwas zu beurkunden hat, schreibt es ebenfalls in eine Blockchain – niemand kann das Dokumentiertehinterher in Frage stellen, der beurkundende Notar ist überflüssig. Anwälte werden ebenfalls nicht mehr benötigt, weil man über den Inhalt einer Blockchain nicht mehr streiten muss: Was in der Blockchain steht, gilt ohne Wenn und Aber.

Man kann das Verfahren leicht weiterspinnen und überall da, wo Parteien am Anfang und am Ende einer Rechts- oder Wirtschaftsbeziehung stehen, diese direkt via Blockchain miteinander in Verbindung treten lassen. An passenden Szenarien ist also kein Mangel. Längst werden auch Beispiele aus dem Energiesektor diskutiert: Der Stromerzeuger mit seiner Fotovoltaikanlage auf dem Dach stellt sein Stromangebot in eine Blockchain und der Stromkunde ruft es ab; auch Stromkonzerne sind – so gesehen – nur Intermediäre.

Vertrauen durch Blockchain

Aber lassen sich die ganz unterschiedlichen Tätigkeiten der Intermediäre tatsächlich so ohne weiteres durch ein technisches Verfahren ersetzen? Blockchain-Technologie ist ein Verfahren, das ohne vertrauenswürdige Instanz einen Vorgang sicher und irreversibel dokumentieren kann. Dass das grundsätzlich funktionieren kann, beweist das Beispiel Bitcoin, das eine Implementierung der Blockchain-Technologie ist. Es funktioniert nicht immer reibungslos, grundsätzlich aber geht es.

Soweit die Intermediäre also Vorgänge des gesellschaftlichen Lebens dokumentieren, könnte das tatsächlich auch mittels einer Blockchain erfolgen. Allerdings erschöpft sich die Tätigkeit von Intermediären normalerweise nicht auf dieses Dokumentieren. Banken sind ja nicht bloss Durchlaufstationen für Geld oder Vermittler von Krediten, Notare dokumentieren nicht nur Vorgänge, sondern sorgen auch dafür, dass sie nach Recht und Gesetz ablaufen, und wenn sich hinterher herausstellt, dass das nicht so war, so haften sie sogar dafür. Die Stromversorger verteilen in der Regel den Strom nicht nur, sie produzieren ihn, und auch das Verteilen ist ziemlich aufwändig, weil dafür unter anderem Masten und Transformatoren benötigt werden, die sich nicht in einer Blockchain abbilden lassen.

Einen Schritt weiter geht das Konzept der «Smart Contracts». Hier werden per Programm-Code direkt in eine Blockchain Regeln eingebaut, die die Erfüllung vertraglicher Bedingungen automatisch überwachen: zum Beispiel wird alle 3000 Kilometer die Leasing-Rate eines PKW abgebucht. Smart Contracts automatisieren die Erfüllung der eigenen Vertragsbedingungen, die in ihnen eingeschrieben sind; sie substituieren tatsächlich vertragliche Regelungen durch Technik.

Die Frage der Anwendbarkeit von Vorschriften auf nicht vorab definierte Situationen und die Problematik von Geist und Buchstaben eines Vertrags, mit der sich Intermediäre wie Anwälte und Gerichte befassen, bleibt jedoch auch hier. Ausserdem funktioniert dieses Verfahren nur bei einer eng begrenzten Zahl von Geschäften, denn normalerweise lassen sich die Vorgänge der realen Welt eben nicht 1:1 und automatisiert in einem Block abbilden: Es gibt zwar mittlerweile für Vieles, aber doch nicht für alles Sensoren.

Auch die konkrete Umsetzung des Smart-Contract-Konzepts wirft eine Reihe von Fragen auf: Wie könnte das alles in einer realen IT-Welt skalieren? Wie funktioniert dann die bei der Blockchain-Technologie notwendige Verifizierung? Produziert die Welt überhaupt genügend Strom für die bekanntermassen energieaufwändigen Verifizierungsverfahren?

Neue Intermediäre braucht das Land

Klar ist aber auch, dass die Abbildung von Vorgängen der realen Welt in einer Blockchain entsprechenden Experten vorbehalten ist. Die Blockchain-Technologie ist sehr komplex, sie funktioniert nicht «auf Mausklick» und ohne profundes Fachwissen auf diesem Spezialgebiet kann niemand eine Blockchain aufsetzen. Für Smart Contracts giltdie unbedingte Devise «the code is the law» – aber wer erstellt diesen Code? Wer übernimmt für ihn die Verantwortung? Verstehen die Parteien eines Rechtsgeschäfts diesen Code besser als einen Vertrag? Klar, auch einen Vertrag muss ein Rechtsanwalt erklären, aber wer erklärt den Code und seine Implementierung? Auch wenn der Gouverneur von Arizona kürzlich die Nutzung von Blockchain-Daten vor Gericht ganz offiziell ermöglicht hat – Gerichte und Anwälte, also Intermediäre, werden damit gerade nicht ersetzt, sondern erhalten ein weiteres Beweismittel über dessen jeweils konkrete Interpretation sie sich weiterhin kostenintensiv streiten können.

Wie kompliziert die Verbindung von Blockchain-Code und realer Welt in der Praxis sein kann, zeigt beispielhaft die Blockchain-Implementierung Ethereum: zum einen hat sie bemerkenswerterweise dafür eine eigene Programmiersprache bekommen – «normale» Programmerkenntnisse reichen also keineswegs aus. Zum anderen sah sich eines der grössten mit Ethereum realisierten Projekte nach der Implementierung mit einem gravierenden Programmierfehler konfrontiert, der es einem einzelnen Nutzer ermöglichte, ganz legal – «the code is the law» – ein paar Millionen aus dem Projekt für sich abzuzweigen.

Gerade weil sich eine ganze Reihe von Transaktionsarten sehr gut in einer Blockchain abbilden lassen, wird man dafür auch eine spezielle Art von Intermediären benötigen: Blockchain-Intermediäre, die wissen, wie diese Technologie tickt, die sich aber auch in den entsprechenden fachlichen Disziplinen bestens auskennen, so dass sie einen realen Vorgang in Code übersetzen können. Solchen Blockchain-Experten muss man natürlich auch vertrauen können. Vielleicht entstehtaus diesem Bedarf eine ganz neue Berufsgruppe mit dem vereidigten Blockchain-Fachmann, abermöglicherweise übernehmen das Block-Notare, die im Vertrags- und im Sachenrecht fit sind und die zugleich eine Blockchain erstellen können. Eine Blockchain-Welt wird jedenfalls jede Menge von Intermediären brauchen.

Im Bereich der Banken deutet sich so ein Szenario tatsächlich bereits an: Es sind derzeit die Banken, die am aktivsten die Möglichkeiten der Blockchain-Technologie prüfen und die sich ihrer für eine effizientere Durchführung ihres Geschäftsbetriebs bedienen wollen, beispielsweise beim Austausch von Wertpapieren. Das Ende der Intermediäre scheinen sie jedenfalls nicht zu fürchten.

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